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They Shall Not Grow Old ist ein Dokumentarfilm des Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson über den Ersten Weltkrieg. Der Film arbeitet zum Jubiläum 100 Jahre nach Ende des Krieges mit bislang nicht gezeigtem Archivmaterial. Der Film feierte seine Premiere auf dem BFI London Film Festival 2018 und wurde anschließend auf dem Sender BBC One ausgestrahlt.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Zusammen mit dem Imperial War Museum – einem der bedeutendsten Kriegsmuseen auf der Welt -, die die Produktion des Dokumentarfilmes They Shall Not Grow Old in Auftrag gegeben hat, verantwortete der neuseeländische Regisseur Peter Jackson (Der Herr der Ringe: Die Gefährten) ein wahres Husarenstück innerhalb seines Sujets. Über 100 Stunden Bild- und 600 Stunden Audiomaterial bekam der Oscar-Preisträger aus den Archiven des BBC zur Verfügung gestellt. Ansatt dieses allerdings auf altbewährte, dem Lehrplan an britischen Schulen geläufige Art und Weise zu montieren, nahm er sich die bisher größtenteils ungesehenen Aufnahmen, stabilisierte sie, kolorierte sie nach, restaurierte sie digital, konventierte sie in stereoskopisches 3D und fügte zusätzliche Klangebenen hinzu, die den Lärm des Krieges oder die Gespräche der Soldaten umgreifen. Herausgekommen ist dabei ein gleichermaßen irritierendes wie faszinierendes Erlebnis.

Irritierend gestaltet sich They Shall Not Grow Old deswegen, weil das wahrlich ausgefeilte technische Verfahren den Eindruck erzeugen könnte, Peter Jackson wäre dem Glauben anheim gefallen sein, den Krieg durch Farben, Stimmen und Geräusche erfahrbar machen zu können. Der sensorische Ansatz jedoch ist hier weniger darum bemüht, die monochrome Vergangenheit in die Gegenwart zu überführen, wo das Blut nicht schwarz, sondern in roten Schüben aus den Körpern der unzähligen Menschen strömt, sondern vielmehr darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es gewesen sein könnte; was diese jungen Männer, die erst voller Euphorie in die Grabenschlacht gegen das Deutsche Reich zogen, um dann der Bestie Krieg in die Augen zu blicken, gesehen und gefühlt haben könnten. They Shall Not Grow Old ist spekulatives Kino – und in diesem Fall ist das positiv gemeint.

Strukturell bewegt sich They Shall Not Grow Old auf weitestgehend generischen Pfaden, er beginnt mit dem 4. August 1914, an dem Großbritanien dem Deutschen Reich den Krieg erklärte und lässt die über 120 Veteranen, die den Film aus dem Off begleiten, sodann zum Bildmaterial passende Anekdoten und Hintergründe kundtun. Interessant – und auch diesen Aspekt kann man Peter Jackson im Umkehrschluss natürlich vorwerfen – ist dabei, dass diese Zeitzeugen nicht ihre Erlebnis kommentieren. Dabei verzerrt They Shall Not Grow Old natürlich die Kohärenz des audio-visuellen Gehalts, allerdings zeigt er damit auch auf, dass die Rahmenbedingungen des Krieges für alle Soldaten gleich waren, sich der Erfahrungshorizont jedoch nicht pauschalisieren lässt. Peter Jackson verdeutlicht das, in dem er sich immer wieder in den Gesichtern der oftmals nicht älter als 17-18 Jährigen verliert.

Nach 25 Minuten, wenn die Ausbildungs- und Abrückphase überstanden ist, wechselt They Shall Not Grow Old vom 4:3-Format in das Breitbild – und durchbricht das Schwarz-Weiße mit dem Kolorierten. Die Wirkungsmacht, die dieser Effekt mit sich bringt, ist bisweilen schier atemberaubend und bedrückend. Die Distanz zum historischen Charakter jener fast antik erscheinenden Aufnahmen wird schlagartig überwunden, indem Peter Jackson seine Vision davon offenbart, wie es vielleicht war, den ersten 1. Weltkrieg mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Das Erschließen neuer Bild- und Klangwelten; die jungen, unverbrauchten Gesichter, die grinsend, rauchend, fasziniert direkt in die Kamera blicken, all das verdunkelt sich alsbald. Die revolutionäre Technik-Prozedur ist keinem Selbstzweck verfallen, sie stößt ihn nur noch stärker an die Oberfläche, den Schrecken des Krieges, die Hölle des Massensterbens, die Verzweiflung des Menschen.

Mag They Shall Not Grow Old seine Thematik schon allein damit verkürzen, nur eine Seite des Konflikts zu behandeln – Peter Jackson widmete den Film seinem Großvater, die hermetische Herangehensweise liegt also in der Natur der Sache -, wühlt der Film indes schlichtweg durch seine kompromisslose Konzentration auf menschliche Schicksale auf. So zwiespältig man Jacksons Werk auch diskutieren kann, darf und muss: Die assoziative Montage, in der sich They Shall Not Grow Old artikuliert, ist zutiefst humanistisch veranlagt. Das bestätigt nicht nur der Respekt vor dem eigentlichen Feind, denen die Zeitzeugen ihr Mitgefühl und ihre Bewunderung aussprechen, sondern auch der klare Fokus auf die Individuen, die Männer, die eigentlich noch Kinder sind und vom Nebel des Krieges verschluckt wurden. Wie bitter muss es für die Überlebenden gewesen sein, nur wenige Jahre später ein zweites Mal dem unermesslichen Horror ihrer Jugend ins Angesicht blicken zu müssen.

Fazit

Mit "They Shall Not Grow Old" liefert Peter Jackson einen so zwiespältige wie faszinierende Interpretationsversuch des 1. Weltkriegs ab. Muss man die technische Herangehensweise auch kontrovers diskutieren, so entfacht der Dokumentarfilm dennoch eine ungeheure Wirkungsmacht, die aufwühlt und berührt, weil Jackson seinen stetigen Fokus auf die menschlichen Schicksalen bis zum Ende bewahrt. Ein im positiven Sinne spekulatives Werk.

Autor: Pascal Reis

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