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Inhalt

An einem scheinbar normalen Tag in einer amerikanischen Kleinstadt wird die Geschichte mehrerer Menschen erzählt, die zunächst nichts gemeinsam haben: Da ist eine frustrierte Schauspielerin, die andauernd Selfies schießt, ein Skater, der sich die Haare orange färben will, Supermarktmitarbeiter, ein Militärveteran und ein Gassigänger, der beim Ausführen seines Hundes Fantasien über den Tod seiner Ex-Freundin hegt. Doch dieser Tag ist nicht so normal, wie er zunächst scheint. Ein furchtbares Verbrechen wird geschehen, bei dem mehrere Menschen getötet werden und jeder der aufgezählten Personen könnte involviert gewesen sein.

Kritik

Lose basierend auf dem Amoklauf von Aurora, bei dem der 24-jährige Schütze James Eagan Holmes bei der Mitternachtspremiere von Christopher Nolans The Dark Knight Rises in einem Kinosaal in Colorado das Feuer eröffnete und zwölf Menschen tötete, während 58 weitere verletzt wurden, ist Tim Suttons (Pavilion) meditativer Kunstfilm Dark Night kein Werk über die Tat selbst. Der Regisseur verortet die elliptisch verknappte Handlung des Films in einer Vorstadt Amerikas, die durch ihren Charakter der flirrenden Anonymität und kalten Entfremdung stellvertretend für viele der zahlreichen Orte des gegenwärtigen Landes aufgefasst werden kann. Assoziationen zu der realen Tat, bei der sich der Blick zahlreicher Menschen eigentlich in den vielversprechend dargebotenen Illusionen auf der Leinwand vor ihnen verlieren sollte, bevor sie von den Schüssen des Attentäters auf drastischste Weise in die Realität zurückgeholt wurden, erweckt hingegen direkt die erste Szene von Suttons Film. 

In den Augen einer jungen Frau spiegeln sich Lichter, welche die Farben Rot und Blau im hypnotischen Rhythmus abstrahlen. Enttarnt wird dieses Ereignis umgehend als Blaulicht eines Streifenwagens, während die Frau auf einem Bordstein sitzt, augenscheinlich traumatisiert von dem Vorfall, dem sie kurz zuvor beiwohnen musste. Zugleich entfernt sich Sutton wieder von diesem beunruhigenden Szenario, um die Uhren noch einmal zurückdrehen. Der strukturelle Kern von Dark Night verbirgt sich stattdessen im Porträtieren sprunghafter Einzelschicksale, denen sich der Regisseur ebenso irritierend wie selbstverständlich annähert. Die rund sechs verschiedenen Figuren, die im Mittelpunkt des Films stehen, wirken wie grobe Skizzen, die in oberflächliche Beobachtungen, befremdliche Posen, spontane Bewegungsabläufe oder alltägliche Handlungen eingegliedert werden. Dabei erhalten sie nicht einmal Namen, sondern stehen ausschließlich für das, was sie in den jeweiligen Szenen verkörpern oder tun. 

Sichtlich inspiriert von Gus Van Sants Amoklauf-Studie Elephant und dessen stilistischem Konzept der episodenhaften Zersplitterung gibt sich auch Sutton der scheinbar willkürlichen Präsentation von kurzen Ausschnitten hin, in denen etwaige psychologische Motive oder konkrete Ansätze eines geplanten Verbrechens zwischen allgemeinen Stimmungsbildern einer ganzen Nation verschwimmen. Was die einzelnen Szenen in Dark Night viel eher durchzieht, ist eine gewisse Stimmung der absoluten Gefühlskälte sowie zwischenmenschlichen Isolation, die die Gesellschaft anscheinend in ihrem Klammergriff gefangen hält. Immer wieder zeigt der Regisseur Menschen, die alleine sind und sich doch mithilfe moderner Technologien Aufmerksamkeit verschaffen oder ihrer derzeitigen Lage entfliehen wollen. Eine attraktive junge Frau filmt sich unentwegt mit ihrem Smartphone oder schießt Selfies. Wenn sie sich zum Frühstück einen besonders gesunden Smoothie zubereitet, leicht bekleidet im Badezimmer steht oder Fitnessübungen ausführt, will sie die ganze Welt daran teilhaben lassen. 

In einer anderen Szene sind es Videospiele, die einen Zugang zu einer Art virtuellen Verbundenheit ermöglichen und dem Spieler suggerieren, er sei in diesen Momenten mit anderen Gleichgesinnten verbunden, obwohl er in der physischen Realität weiterhin alleine bleibt. Nicht jeder konzeptionelle Ansatz von Sutton mag dabei aufgehen. Sein Versuch, pseudo-dokumentarische Sequenzen in den Handlungsverlauf einzuflechten, in denen ein offenbar Überlebender oder vielleicht auch Täter des Amoklaufs neben seiner Mutter befragt wird, bewegt sich zu stark an der vagen Oberfläche und verläuft aufgrund des experimentellen Zugangs ins Leere. Wesentlich intensiver sind die kurzen Anflüge apokalyptischer Vorzeichen, für die kurze Einstellungen auf den Nachrichten von Fernsehbildschirmen verweilen, die vom Prozess des realen Aurora-Amokläufers berichten, oder über Radios gelegentlich Sprachfetzen von Waffengewalt durch das Setting hallen. Besonders ausdrucksstark ist hierbei eine Sequenz, in der die Kamera vorübergehend vollständig die Perspektive von Google Street View einnimmt. Täuschend echt wirken die Aufnahmen der Straßen der amerikanischen Vorstadt, durch die sich der Mauszeiger immer näher an bestimmte Stellen heranbewegt. 

Auch hier bleiben die Straßen jedoch unbelebt und zeugen von einem menschenleeren Klima der beklemmenden Einsamkeit, das Sutton oftmals durch vollkommene Stille unterstreicht. Würde die berührende Stimme einer Sängerin aus dem Off nicht hin und wieder balladeske Töne voller Sehnsucht und Verzweiflung anstimmen, käme Dark Night einem sperrigen Totentanz gleich, in dem die Allgegenwärtigkeit von automatischen Schusswaffen in den Haushalten der Menschen den unvermeidlichen Untergang der Zivilisation anstimmt. Zusammen laufen die erzählerisch unbestimmt umherschwirrenden Handlungsfäden schließlich ausgerechnet wieder im Kino. An diesem Ort, der das Träumen mit offenen Augen ermöglicht und dazu einlädt, selbst in illustrer Gesellschaft wunderbar für sich alleine sein zu können, blickt die Kamera ein letztes Mal in desillusionierte, erschöpfte und ausdruckslose Gesichter. Nach einem schwebenden Rundgang hinter die Kulissen des Kinobetriebs findet sie ein bemühtes und zugleich erleichtertes Lächeln erst im Gesicht eines jungen Mannes, der sich komplett in Schwarz gekleidet und mit einer verdächtigen schwarzen Tasche entschlossenen Schrittes dem Hintereingang nähert.

Fazit

Tim Suttons sperriger, unkonkret in Stimmungsbildern verweilender Kunstfilm „Dark Night“ ist keine originalgetreue Abhandlung über den Kino-Amoklauf von Aurora aus dem Jahr 2012. Lose davon inspiriert kreiert der Regisseur vielmehr das Porträt einer amerikanischen Vorstadt, deren voneinander isolierte Einwohner sich in anonymer Gefühlskälte und zwischenmenschlicher Entfremdung nach Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit sehnen. So ist der durchaus gewöhnungsbedürftige, von oberflächlicher Leere durchzogene Film eher eine apokalyptische Bestandsaufnahme der momentanen Gegenwart, die zum Ende hin ausgerechnet das Kino als vermeintlich letzten Zufluchtsort ebenfalls der verzweifelten Ausweglosigkeit ausliefert.

Autor: Patrick Reinbott

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