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Vor drei Jahren erschütterte ein mysteriöses Ereignis das Gebiet, das jetzt als Area X bekannt ist. Abgeschnitten von jeglicher Zivilisation begräbt die Natur die spärlichen Überreste menschlicher Kultur unter sich. Die geheime Regierungsorganisation „Southern Reach“ ist dafür zuständig, herauszufinden, was in Area X vorgefallen ist und was nun hinter der unsichtbaren Grenze geschieht. Mehrere Expeditionen sandte Southern Reach in das kontaminierte Gebiet - nur der Soldat Kane kam lebend zurück. Ein neues Team bestehend aus den Wissenschaftlerinnen soll nun endgültig die Geheimnisse der Region lüften – das Gebiet kartographieren, Flora und Fauna katalogisieren und die Beobachtungen dokumentieren. Doch sind es nicht nur die Mysterien von Area X, sondern die Geheimnisse der Frauen untereinander, die die Expedition gefährden...

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Eine höhere Dimension? Eine religiöse Offenbarung? Eine außerirdische Erscheinung? Seit Jahren schon rätseln die Menschen, was es mit der sogenannten Area X, einem von spektralfarbenen Wänden eingegrenzten Gebiet, auf sich hat. Wie es zu diesem Mysterium gekommen ist, kann niemand sagen, allerdings dehnt es sich kontinuierlich aus – und es ist nur eine Frage, bis es Städte, Staaten, Länder und Kontinente erobert hat. „Schimmer“ nennt sich jenes Areal im allgemeinen Sprachgebrauch der Wissenschaftler und Soldaten. Immer wieder wurden militärische Truppen auf Erkundungsmission in diesen Schimmer entsandt, doch niemals sollten sie zurückkehren. Bis jetzt. Was für eine Geschichte mag sich hinter dieser Rahmenhandlung, die ihren Ursprung im abstrakten Roman von Jeff VadeMeers findet und nun von Alex Garland (Ex Machina) in Szene gegossen wurde, verbergen?

Die Antwort ist einfach: Eine kongeniale. Nachdem die Differenzen zwischen den beteiligten Produktionsfirmen hinter Auslöschung auch medial ihre Kreise zogen und dem Film nach einigen Testscreenings angekreidet wurde, er sei „zu intellektuell und zu kompliziert“, um ihn in den Kinos zu zeigen, konnte sich der Streaming-Dienst Netflix die Rechte sichern, was die Debatten darum, ob jene Online-Plattform den Tod für die klassische Kintopp-Kultur bedeutet, weitreichend befeuerte. Und sicherlich, in diesem Fall darf sich Netflix als lachender Dritter in der Runde verstehen, ohne diesen Umstand überhaupt provoziert zu haben. De facto hat das Streamingportal die Gunst der Stunde genutzt, was für jeden treuen Kinogänger selbstverständlich ein Schlag vor den Kopf ist, für Netflix aber ein waschechter Siegeszug. Mit dem Extra, dass Auslöschung ein echtes Meisterwerk geworden ist.

Schon in Ex Machina hat Alex Garland meisterhaft unter Beweis gestellt, dass er sich äußerst affin im Bereich der Science-Fiction zu Werke schreiten kann, sondern auch, dass ihn das philosophische Potenzial dieses Sujets ungemein reizt, ohne dieses in eine verkopfte Vormachtstellung der Erzählung zu kanalisieren. Stattdessen war Ex Machina eine homogene Mischung aus Intellektualität und Genre-Zuneigung. Mit Auslöschung setzt Garland diese Marschroute nicht nur fort, er verfeinert sie, baut sie aus, geht weiter, geht tiefer und darf sich nicht mehr nur als einer der vielversprechendsten Filmschaffenden unserer Zeit verstehen lassen, sondern auch als einer der kompetentesten Sci-Fi-Regisseure der Gegenwart. Kaum ein Künstler nämlich vollbringt es mit dieser ausbalancierten Stilsicherheit, den Körper, die Seele und den Geist gleichermaßen zu stimulieren, wie Garland.

Und um die Bedeutung von Körper, Seele und Geist geht es auch in diesem Film. Ein Jahr nämlich war Kane (Oscar Isaac, Inside Llewyn Davis) verschwunden, bis er eines Tages wie aus dem Nichts wieder vor seiner sich immer noch in tiefer Trauer windender Frau Lena (Natalie Portman, Jackie) steht. Wo er war, weiß er nicht. Wie lange er weg war, hat er vergessen. Sein Gedächtnis beklagt keine Lücken, dort klafft ein immenses Loch. Natürlich war er einer der Soldaten, die sich in das Innere des Schimmers begeben haben – und Lena wird es ihrem Mann alsbald gleichtun, als Teil eines Frauenteams, das über adäquate wissenschaftliche und militärische Ausbildungen verfügt. Es beginnt eine Suche nach Antworten. Oder vielmehr: Eine Suche nach den richtigen Fragen.

Nach den Fragen, auf die der Körper, der Geist und die Seele verschiedene Antworten bereithält. Wenn sich der weibliche Trupp in die Area X, in das Ungewisse, in die Dimension, in der man sich offenkundig nur selbst oder gegenseitig umbringen kann, begibt, entwickelt Auslöschung eine derartige Immersion, die den Zuschauer geradewegs in diese Alternative-Natur, diesen Nicht-Raum, hineinzieht. Hier definiert Garland den Begriff Sinnesrausch neu, wenn er veränderte Lebensformen, duplizierte Lebewesen in formvollendeten Flora-und-Fauna-Impressionen von traumwandlerischer Schönheit offenbart: Wenn er Bäume aus Glas, Fädenfische und schneeweiße Springböcke mit glitzerndem Geweih vorfindet. Oder wenn er einen gefräßigen Totenkopfbären und einen Albino-Alligator mit ungewöhnlich überschüssigen Zahnreihen auf die Jagd schickt. Wäre dies ein Film von Steven Spielberg (München), Area X wäre ein Zauberwald, in dem Wunder wirklich möglich sind.

Auch in Auslöschung ist das Unmögliche Gang und Gäbe, aber Alex Garland agiert in seinem famosen mehrdimensionalen Eskapismus nicht naiv, sondern benutzt das Rätselhafte um die Gesetze der Evolution, der Naturgeschichte, der Physik und der Psychologie zu überdenken und im nächsten Schritt neu zu bestimmen. Auslöschung geht irgendwann tatsächlich so weit, dass er die Existenz des Menschen nicht mehr nur für nichtig hält, nein, er überprüft, ob es Alternativen und Varianten zu dem gibt, was wir heute als homo sapiens begreifen. Und im farbenprächtigen Herzen dieses unerklärlichen Phänomens, in dem sich Zeit und Raum, also Konstanten unseres Daseins, zusehends auflösen, entsteht eine virtuos inszenierte und unheimlich geistreiche Mediation über das Leben und den Tod, das Sein und das Nichtsein, das Erschaffen und (Selbst-)Zerstören. Wir müssen aufhören, Antworten zu suchen. Wir müssen beginnen, die richtigen Fragen zu stellen.

Fazit

Ein Meisterwerk, welches in einigen Jahren als Klassiker des Sci-Fi-Films gehandelt werden wird. Alex Garland bestätigt sich ein weiteres Mal als einer der vielversprechendsten Künstler unserer Zeit und liefer mit "Auslöschung" eine gleichermaßen virtuose Stimulation für Körper, Seele und Geist ab. Wie der Mann es beherrscht, seine Genre-Affinität mit einer vielschichtigen Intellektualität zu verbinden, ist ganz große Kunst. Sollte man gesehen haben.

Autor: Pascal Reis

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